„Es ist sooo kalt draußen!“ Katrin bläst mit dem Mund warme Luft in ihre klammen Fäuste. Auch ihr Kollege Joachim fröstelt. Die beiden sind in den Hauptbahnhof gelaufen, um sich ein paar Minuten aufzuwärmen.
Katrin und Joachim sind zwei von 26 Arbeitslosen, die sich die Stadt Halle vom Arbeitsamt zuweisen lassen hat. Sie müssen für den Billiglohn von einem Euro pro Stunde arbeiten gehen - und alles mit sich machen lassen, was der Arbeitgeber von ihnen verlangt. Eine andere Wahl haben sie nicht. Wenn sie sich weigern, dann werden ihnen die „Hartz IV“-Bezüge gekürzt und dann reicht das Geld nicht einmal mehr zum Überleben.
Zuerst sollten Katrin, Joachim und all die anderen Ein-Euro-Kollegen für das Stadtmarketing nur eine rote Jacke anziehen, eine rote Tasche umhängen, durch die Stadt laufen und Auskünfte an Touristen geben. Aber welcher Tourist kommt schon freiwillig in das ruinöse Halle?! Die Rotjacken hatten also kaum etwas zu tun. Sie waren sozusagen doppelt arbeitslos.
Doch dann hat man sich im halleschen Stadtmarketing etwas ausgedacht: Lassen wir die doch Taschen schleppen! Taschen von Leuten, die in Halle eingekauft haben. So lautete die Idee.
Zuerst berichtete nur eine lokale Boulevardzeitung darüber. Dann hat ein Redakteur von „teuto tele“ in Leipzig den Artikel gelesen. Er ist mit einem Kamerateam nach Halle gekommen. Und dann durfte sich Lothar Meyer-Mertel, der Chef vom Stadtmarketing Halle, mal so richtig aufplustern. Im Privatsender RTL kam Lothar, der unter Kollegen nur „EmmEmm“ genannt wird, in den Haupt-Nachrichten.
Der teuto-tele-Redakteur war allerdings cleverer als erwartet. Er hat in seinem Beitrag den Worten von „EmmEmm“ einen Arbeitsrechtler gegenüber gestellt. Der war natürlich alles andere als begeistert. Diese Ein-Euro-Jobber nähmen qualifizierten Leuten die Arbeit weg, meint er.
Katrin und Joachim sehen das genau so. „Man verlangt von uns immer mehr Tätigkeiten, wofür andere Leute jahrelang ausgebildet worden sind“, sagt Katrin, „Tütenschleppen stört uns nicht weiter, aber das sind einfach mal Service-Leistungen, für die ganz andere rechtliche Regelungen gelten.“
„Außerdem“, so fügt ihr Kollege Joachim hinzu, „ist das Tütenschleppen nach dem großen Presseecho auch schon wieder zurück genommen worden. Wir sollen jetzt nur noch alten Leuten helfen. Aber das würden wir doch sowieso machen. Auch ohne diese moderne Form der Sklaverei hier.“




Apache Community 
Mit Zitat antworten
Lesezeichen